Trauer und trauern

Was ist Trauer?

Trauer ist so unterschiedlich und in vielen Facetten möglich wie das Leben selber. Durch die Breite der Trauerreaktionen ist es nicht möglich, Trauer in einer einzigen Definition zusammenzufassen.

Eng definiert ist Trauer die normale, regelmäßige Reaktion auf den Verlust eines nahestehenden und geliebten Menschen. Sie gehört zur Abschiednahme und ist ein Teil der Verarbeitung des Verlustes.

Die Trauer hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die Erinnerung und Erwartungen der Hinterbliebenen von dem Verstorbenen ablösen. Es fällt sehr schwer sich vom Verstorbenen zu lösen, doch ohne langsames Loslassen kann Trauer nicht gelingen.

Der Abschluss der Trauer bedeutet nicht, dass sie vollkommen überwunden wird. Die Trauer zu einem geliebten Menschen hört nie ganz auf, da die Beziehung zu ihm über den Tod hinaus dauert. Man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz zu finden.

Alles was an die Stelle rückt und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Verlieren wir einen geliebten Menschen, spüren wir wie stark unser Glück von unseren Mitmenschen abhängig ist.

Die Trauer ist nicht nur ein Prozess der Ablösung vom Verstorbenen, sondern auch ein Prozess des Neuaufbaus der Beziehung zu ihm.

Trauerphasen

Es werden im Verlauf der Trauer unterschiedliche Phasen erlebt, jedoch ist keine eindeutig zeitlich gereihte Abfolge festlegbar. Trauernde können für bestimmte Zeit zwischen den Trauerphasen hin und her pendeln und in bereits überwundene Phasen zurückfallen.

Die Trauer hat folgende Charakteristika:

Trauerphasen nach Edward John Mostyn Bowlby

Phase der Betäubung

Diese Phase ist durch ein Gefühl der Betäubtheit charakterisiert und kann einige Stunden bis zu einer Woche andauern. Dabei fühlt sich der Hinterbliebene durch die Todesnachricht wie betäubt. Diese augenscheinliche Ruhe kann jedoch durch intensive emotionale Ausbrüche unterbrochen werden.

Sehnsucht und Suche nach der verlorenen Bindungsfigur

Diese Phase, welche Monate bis Jahre andauern kann, ist durch eine schrittweise Akzeptanz des Verlustes als Realität gekennzeichnet. Immer wieder werden jedoch bestimmte Signale, z.B. Geräusche als Rückkehr des Verstorbenen gedeutet. Dabei wird versucht diesen wiederzugewinnen. Ein weiteres Kennzeichen ist Zorn, wie beispielsweise mit dem Protest eines Kindes beim Verlust seiner Mutter und dem Bemühen, sie wiederzuerlangen.

Phase der Desorganisation und Verzweiflung

Die Notwendigkeit, alte Denk- und Verhaltensmuster abzulegen, wird meist als sehr schmerzhaft erlebt. Der Trauernde verfällt dadurch in eine Phase der Depression oder Teilnahmslosigkeit. Die Neudefinition seines Selbst in einer Welt ohne den Verstorbenen verlangt die vollständige Akzeptanz des Verlustes.

Phase der Reorganisation

Der Trauernde beginnt die neue Situation zu betrachten und über Bewältigungsmöglichkeiten nachzudenken. Ein neues Selbstbewusstsein wird aufgebaut. Durch die verarbeitete Erfahrung ist ein neues Stadium der persönlichen Reife erreicht. Es kommt zu einer Neudefinition des Selbst und der Situation.

Trauerphasen nach Elisabeth Kübler-Ross

Verleugnung

Die erste Phase ist durch das Gefühl der Ohnmacht, Schock oder Verleugnung gekennzeichnet.

Wut und Zorn

Es kann zu einer Überflutung durch Emotionen kommen. Neben Wut spielen hier auch Angst, eigene Schuldgefühle als auch die Suche nach Schuldigen eine Rolle.

Verhandeln

Das starke Verlangen nach der verstorbenen Person kann zu einem Bitten nach der Rückkehr führen.

Depression

Der Tod kann nicht länger geleugnet werden. Hoffnungslosigkeit, der Verlust des Lebenssinns und extreme Traurigkeit Kennzeichnen dieses Stadium.

Akzeptanz

Schließlich wird der Tod des geliebten Menschen als Realität akzeptiert und es kommt zu einer Reorganisation in der Welt.

Traueraufgaben nach James William Worden

James William Worden spricht von vier Aufgaben, die während des Trauerprozess zu bewältigen sind.

Traueraufgaben

Den Verlust als Realität akzeptieren

Direkt nach dem Tod eines emotional bedeutsamen Menschen kommt es zur Leugnung des Verlustes, seiner Bedeutung oder seiner Endgültigkeit. Die Realisierung und Akzeptanz des Todes stellt die erste Traueraufgabe dar.

Den Trauerschmerz erfahren

Sowohl die tatsächlich physischen Schmerzen, als auch das emotionale Leid, werden als Trauerschmerz angesehen.

Die zweite Traueraufgabe besteht darin, sich dem Trauerschmerz zu stellen und ihn zu durchleben, damit er nicht zu einem späteren Zeitpunkt erneut auftritt. Die Bewältigung wird heutzutage durch die gesellschaftliche Einstellung, die den Tod und die Trauer als störend empfindet, oftmals erschwert.

Sich anpassen an eine veränderte Umwelt, in der der Verstorbene fehlt

Die dritte Aufgabe erfordert erst einmal eine Reflexion darüber, welche Rollen der Verstorbene zu Lebzeiten eingenommen hat.

In der Regel wird dem Hinterbliebenen Person erst nach dem Verlust richtig bewusst, worin die verschiedenen Rollen des Verstorbenen zu seinen Lebzeiten bestanden haben. Daraufhin ist es die Aufgabe des Trauernden, die durch den Verlust freigesetzten Rollen zum Teil selbst zu übernehmen.

Die Anpassung an diese neuen Anforderungen der Umwelt ermöglicht dem Trauernden den Erwerb neuer Fähigkeiten. So kann ein Hinterbliebener dem Verlust Aspekte abgewinnen, die ihn weiterbringen. Das Gelingen der Aufgabenbewältigung führt zur Entwicklung neuer Perspektiven.

Gefühlsmäßige Ablösung vom Verstorbenen

Als letzte Aufgabe ist die emotionale Loslösung von dem Verstorbenen und das Erlangen der Fähigkeit, wieder neue Beziehungeneinzugehen.

Erschwerend ist dabei die Angst der Trauernden sich von dem Verstorbenen abzuwenden und ihn damit vollkommen, d. h. auch gedanklich zu verlieren.

Die Trauernden müssen aber erkennen, dass es möglich ist, neue Beziehungen einzugehen, ohne gleichzeitig die Erinnerung an den Verstorbenen zu verlieren.

Trauerphasen nach einem Kindsverlust vor der Geburt nach Bowlby und Parkes

Inneres Chaos

Nach der Mitteilung der Diagnose befindet sich die Schwangere in einem emotionalen Schockzustand. Die betroffenen Frauen reagieren mit Unglaube, Verleugnung oder panischer Angst. Der innere Dialog mit dem Kind wird abgebrochen.

Diese Phase kann Stunden bis Tage dauern und ist gekennzeichnet durch Weinen und Traurigkeit, Sehnsucht und täuschende Verkennung wie z.B. Suchen des Kindes. Manche Frauen fühlen sich selbst wie abgestorben. Dieser vorübergehende erschütternde Zustand ist geprägt von einer vollständigen Hilflosigkeits- und Ohnmachtserfahrung.

Realisation

Charakteristisch für diese Phase sind Verzweiflung und tiefe Enttäuschung, aus der Ärger und Wut entstehen können, die gelegentlich auf das betreuende Personal projiziert werden.

Auflösung

Nach einigen Monaten nimmt die innere Beschäftigung mit dem verstorbenen Kind ab. Die Mutter / die Eltern beginnen wieder Interessen zu entwickeln oder neue Bindungen einzugehen.

Stabilisierung

Nach etwa einem bis zwei Jahren ist das psychische Gleichgewicht weitgehend wieder hergestellt.

Langfristiger Verlauf

Stimmungsschwankungen und Traurigkeit können noch nach Jahren zum Teil lebenslang, vor allem an Jahrestagen auftreten.

Komplikationen können in jeder Phase des Trauerprozesses entstehen. Das Festhalten am Verlorenen führt zu chronischer Trauer, die Vermeidung oder Verleugnung des Verlustschmerzes zu verzögerter oder ausbleibender Trauer.

An die Stelle der Auseinandersetzung mit dem Verlorenen kann eine Verleugnung des Verlustes und des Trennungsschmerzes treten. Psychische Erkrankungen wie z. B. eine Depression sind wahrscheinlich, wenn ein Verlust nicht ausreichend betrauert wird.